Filmanalyse


Die Kinder und ihr Entwicklungsprozess

Das Alter von 11 Jahren markiert gerade die Endphase der Kindheit, bevor die Pubertät mit einer Fülle von inneren und äußeren Konflikten und dem Erwachen der Sexualität und der (vielleicht rebellischen) Abgrenzung gegenüber Erwachsenen einen ganz neuen Stoff für einen ganz anderen Film liefern würde. Insofern sind die Kinder im Film „noch ganz Kinder“, allerdings in ihrer wachsten Phase. Sie nehmen die Umwelt, die Skurrilitäten der Erwachsenen und die Bruchstellen zwischen gesellschaftlichen Rollenerwartungen, Selbstpräsentation und emotionaler Bedürftigkeit sehr genau wahr. An diesen Bruchstellen finden sie ihre eigenen Möglichkeiten, in das Geschehen einzugreifen. In ihrem Alter lässt man sie noch „Kinder sein“, ohne dass sie sofort in Handlungs-, Entscheidungs- und Verantwortungszwänge eingebunden würden.

Sie nehmen nicht nur sehr genau wahr, sondern reflektieren auch ihre Erfahrungen und loten eigene Handlungsoptionen aus. Deutlich wird dies in den Gesprächen, die sie miteinander führen, und in den Briefen, die Morten an seine tote Mutter schreibt und die im Voice over Kommentar gelesen werden. Die Sicht der Kinder ist - im Gegensatz zu derjenigen der meisten Erwachsenen - nicht durch ideologische Muster oder vermeintliche Rollenerwartungen überformt, sondern auf eine erfrischende Art nüchtern und unverstellt.

Ihre Gespräche und Mortons gelesene Briefe offenbaren, dass die Kinder nicht in erster Linie beurteilen oder bewerten, sondern beschreiben, was sie erleben, und dabei zunehmend mehr ihre eigenen Handlungsoptionen erkennen. Morton formuliert seine Wünsche und Sehnsüchte. Neben dem Wunsch nach einem erfüllten Sommer stehen das Abschneiden der schwedischen Fußballmannschaft bei der Weltmeisterschaft und die Hoffnung, dass er das Endspiel im Fernsehen oder Radio mitverfolgen kann, an erster Stelle (Dinge die für Kinder wichtig sind!).

Der Film nimmt konsequent die Perspektive der Kinder, insbesondere Mortons, ein, von ganz wenigen Einstellungen oder Szenen abgesehen, in denen Handlungsstränge in Parallelmontage gezeigt werden, die den Kindern nicht zugänglich sein können. Annika erscheint in dieser Perspektive als die in ihrer Entwicklung etwas weiter fortgeschrittenere, vielleicht auch die abgebrühtere der beiden. Ihre Sprüche wirken gelegentlich etwas altklug, als hätte sie schon viel vom Leben gesehen und eine Reihe von Enttäuschungen eingesteckt. Annika ist cooler als Morton, sie geht mit vielen Situationen offensiver um, konfrontiert die Erwachsenen stärker mit ihrer Widersprüchlichkeit, handelt initiativer und riskofreudiger als er - etwa mit den Dosen oder der Desinformation über die wechselseitige Verliebtheit von Johanson und Frl. Swanström. Sie greift früher und aktiver in das Geschehen ein. Morton ist demgegenüber der ruhigere, zurückhaltendere, beobachtendere, reflektiertere.

Diesen Unterschieden der beiden steht allerdings eine sehr starke Ähnlichkeit gegenüber. Die Kinder agieren immer gemeinsam, sie haben keine Konflikte miteinander. Sie werden nicht durch individuelle Merkmale gezeichnet, die sie deutlich voneinander unterscheiden würden. Hinsichtlich der beiden Leitthemen des Films, dem Entwicklungsprozess ihrer Möglichkeiten, erscheinen sie als zwei unterschiedliche Verkörperungen derselben Kindlichkeit. So könnte man die These formulieren, es handele sich in Wirklichkeit um einen einzelnen Prozess, der aus dramaturgischen Überlegungen (Dialogizität) auf zwei Akteure verteilt ist.

Die Tage der filmischen Handlung zeigen einen Entwicklungsprozess der beiden Kinder, die sich mit einer für sie völlig neuen Situation arrangieren müssen. Der Prozess lässt sich anhand von zwei Leitmotiven charakterisieren: (1) Die Kinder entdecken - ausgehend von der anfänglichen Machtlosigkeit - zunehmend ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten in einer Erwachsenenwelt und greifen gezielt in den Lauf des Geschehens ein. (2) Das zweite Leitthema ist die zunehmende Nähe der Kinder, die eine Beziehung miteinander eingehen, die sie um keinen Preis mehr lösen wollen. In diesem zweiten Leitmotiv des Films sind zahlreiche Themen auf eine komplexe Art miteinander verwoben: Die Angst der Erwachsenen vor Nähe, die Vermischung von Nähe und Sexualität, die Angst vor Enttäuschung, wenn man sich auf eine enge Beziehung einlässt, die Trennung, die spätestens am Ende der Ferienzeit notwendig wird, sowie die ständige Präsenz des Todes im Film. Da die Entwirrung all dieser thematischen Motive, von denen viele nur angedeutet, aber nicht alle wirklich ausgearbeitet sind, einen erheblichen Aufwand für die Filmanalyse darstellen würde, bleibt dieses Thema hier nur angedeutet, und ich beschränke mich auf das viel ergiebigere Thema der wachsenden Handlungs- und Interaktionskompetenz der Kinder.

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